Hilfsnavigation:

Standortnavigation: Sie sind hier

Wie erlebt der Werkstattrat die Coronazeit: die Vorsitzende im Interview

Seit 1999 ist Susanne Hielscher in den Ledder Werkstätten beschäftigt. Seit 2005 ist sie Mitglied des Werkstattrates (damals für Menschen mit geistiger Behinderung) und seit 2008 Vorsitzende des heutigen Gesamtwerkstattrates. Sie gehört der Abteilung Services-Einzelarbeitsplätze an und möchte bei der nächsten Wahl im Herbst erneut kandidieren. Als junge Frau, noch während ihrer Ausbildung zur Industriekauffrau, erkrankte sie schwer und erblindete später. Wie haben die 55-jährige Ibbenbürenerin und ihr Vertretungsgremium die Coronazeit erlebt? In einem ausführlichen Interview nimmt sie Stellung.


Werkstattratvorsitzende mit Leib und Seele: Susanne Hielscher arbeitet aktuell von zuhause.

Frage: Weit über ein Jahr Corona, gleich zu Beginn das behördliche Betretungsverbot für Werkstätten, inzwischen dritter Lockdown: Wie erleben Sie diese inzwischen sehr lange Ausnahmesituation?


Nicht gut! Die Phase des Betretungsverbots war für viele Beschäftigte schlimm. Zum Glück gab es schnell die Notgruppen. Richtig klasse fand ich, dass die Mitarbeiter regelmäßig Beschäftigte zuhause angerufen haben. Und dass Mitarbeiter bei der Arbeit für die anderen Firmen geholfen haben, weil sie im Betretungsverbot deren Aufträge erledigt haben. Gut war, dass die Wohnbereiche aus der Werkstatt Unterstützung in der Betreuung bekamen. Dort waren die Leute ja fast wie gefangen in der ersten Zeit. Wir haben alle aufgeatmet, als die Lockerungen im Sommer kamen. Aber mit der zweiten Welle kriegten viele Angst, dass wieder das Betretungsverbot kommt. Gott sei Dank, das kam nicht! Die Arbeit in den verschiedenen Wohnangeboten zu platzieren war eine gute Idee. Die verschiedenen Arbeitsangebote haben vielen richtig geholfen. Ich meine, in der Werkstatt arbeiten zu können, im Wohnbereich oder zuhause. Das Wechselsystem, also tageweise abwechselnd in der Werkstatt sein, ist auch klasse. Viele gute Ideen und Konzepte haben jedem für sich geholfen. Mit der Zweitimpfung in diesen Wochen sind wir ja alle bald nach Pfingsten geschützt. Dann ist das ganze Auf und Ab endlich vorbei.

Frage: Sie sind seit März 2020 zuhause, im Mobilen Arbeiten. Auch Ihre Arbeitssituation hat sich verändert wie nie zuvor. Nehmen Sie das als Belastung wahr oder bietet beispielsweise Technik auch neue Möglichkeiten, die man später weiter nutzt?

Anfangs war das sehr belastend für mich persönlich. Wir hörten jeden Tag die hohen Infektionszahlen aus den Medien. Ich bin von März bis Mai 2020 wirklich nur zuhause geblieben. Im Juni habe ich den Dienst-PC bekommen. Jetzt ist das technisch gesehen egal, ob ich hier oder im Büro in Ledde bin. Fürs Drucken oder für Aushänge kann ich Kollegen in Ledde beauftragen. Mein Telefon ist aufs Diensthandy umgestellt. Klar, mein Alltag geht jetzt anders. Ich bin aber auch flexibler. Ich muss dazu klarstellen: Ich habe als Beschäftigte die Fähigkeiten, komplett am PC zu arbeiten. Einige bei uns im Werkstattrat könnten das nicht, weil sie nicht lesen und schreiben können. Im Herbst sind wieder Wahlen, dann will ich nochmal kandidieren. Ich könnte mir vorstellen, dann flexibel von zuhause oder in Ledde zu arbeiten. Dass von solchen technischen Sachen nach Corona was bleibt, glaube ich schon. Zum Beispiel die „Werkstätten:Messe“. Für viele von uns ist die lange Anreise nach Nürnberg echt eine Strapaze. Denen kann man ein digitales Angebot machen. Außerdem könnten dann Leute teilnehmen, die im Alltag sehr viel Unterstützung brauchen. Da wünsche ich mir für die Zukunft verschiedene Wege. Unterm Strich können damit einfach mehr dabei sein.

Frage: Normalerweise tagt der Werkstattrat regelmäßig, hat eine offene Tür, nimmt an Fortbildungen teil. Das geht alles nicht wie gewohnt. Wie organisieren Sie sich und welche Rolle spielt dabei Behinderung?

Im März 2020 hatte wir keine Sitzung und haben dann erstmal keine Kennenlerngespräche mit neuen Mitarbeitern gemacht, aber wir waren ständig in Telefonkontakt. Im Juli haben wir das erste Mal wieder als Werkstattrat allein zusammengesessen. Aber von April bis Juni hatten wir jeden Monat Sitzungen, wo uns Frau Büscher (Geschäftsleitung Arbeit) über alles Wichtige informiert hat und wo wir Fragen stellen konnten. Das war schon mal was! In einer Sitzung hat uns Carsten Dieckmann (Fachkraft für Arbeitssicherheit) die neuen Hygieneregeln in der Werkstatt vorgestellt. Die Fortbildung in Papenburg im Juli hat dann gut geklappt. Wir hatten das Haus dort für uns, kein Problem. Ab Juli haben wir im „LeMocca“ und ab Dezember in der Therapiehalle in Ledde tagen können. Vor den Sitzungen wurden wir immer getestet. An Terminen vor Ort ist viel ausgefallen: Werkstätten:Messe, Treffen der Landesarbeitsgemeinschaft in Bethel, das Zehnjährige der LAG, Werkstättentage in Saarbrücken. Aber die Werkstätten:Messe fand ja digital statt. Von der LAG gab es im Herbst eine digitale Veranstaltung über mehrere Tage. Themen waren Corona, Entgelt und Gewaltschutz. Teilgenommen haben wir an Online-Schulungen, -Seminaren und –Fachvorträgen. Wir haben uns also beteiligt und waren die ganze Zeit aktiv. Herr Ost vom Aufsichtsrat hat uns auch zur Nachfolgeplanung in der Geschäftsführung informiert. Da konnten wir Wünsche äußern, was die neue Geschäftsführung können sollte. Und wir haben viel über Hauspost, Mails und Telefon gearbeitet.

Frage: Als Werkstattratvorsitzende sind Sie wichtige Ansprechpartnerin für die Beschäftigten. Kommen die Leute jetzt mit konkreten Problemen oder Fragen zu Ihnen?

Eher selten. Das Geld war immer mal wieder eine Frage, als die Werkstatt zu war. Man hat schon mitbekommen, dass dann alle froh waren, wieder arbeiten zu können. Einige waren im Lockdown mehr als zehn Wochen zuhause und haben gemerkt: Werkstatt ist so wichtig! Klar, vieles läuft anders. Vielleicht muss ich eine andere Arbeit machen, das Essen mittags. Aber mir haben auch Kollegen gesagt: Ich mache lieber was anders als gar nichts! Die Auflagen finden wohl alle doof, aber das klappt überall sehr gut. Die machen alle prima mit.

Frage: Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation in den Ledder Werkstätten? Haben Einrichtungen wie diese gerade jetzt einen besonderen Wert für ihre Menschen?

„Super, wir hatten ein halbes Jahr frei!“ So was habe ich auch gehört und sofort dagegen geredet. Das haben aber wirklich nur einzelne gesagt. Dass die Impfung so gut und schnell geklappt hat, hat uns im Werkstattrat total gefreut. Wir hatten uns damals an die Landespolitik gewandt, dass wir uns das wünschen. Ganz deutlich muss ich eins sagen: Die Fachkräfte in den Gruppen haben extrem viel aufgefangen. Die kennen ihre Leute am besten und haben viele Sorgen und Ängste nehmen können. „Da hört mir einer zu auf der Arbeit!“ Das haben ganz bestimmt viele von uns gedacht. Gerade die jungen Leute, die sich nach den vielen Wochen gefragt haben, was sie zuhause noch machen sollen.

Frage: Würden Sie sagen, dass Menschen mit Behinderungen in unserer Gesellschaft während der Coronazeit mehr Nachteile hatten als Menschen ohne Behinderungen?

Schwierig zu sagen. In den Wohnbereichen waren das am Anfang schon sehr große Einschränkungen. Dann hatten wir gute Hygienekonzepte für die Öffnung ab Mai 2020. Da haben sich die Verantwortlichen viele Gedanken gemacht. Wer wollte, konnte auch bald wieder arbeiten. Und wir haben ja immer die Sicherheit, dass unsere Arbeitsplätze bleiben. Das ist woanders längst nicht so. Das ist für viele von uns sehr wichtig.

Frage: Die Inzidenzzahlen sinken, überall hört man von Öffnungsszenarien. Was würden Sie sich für die Werkstatt wünschen und was ist Ihr ganz persönlicher Wunsch, wenn die Pandemie einmal vorüber ist?

Nach Pfingsten haben wir alle, Beschäftigte, Bewohner und Mitarbeiter, vollen Impfschutz. Dann könnten Lockerungen langsam, vorsichtig und schrittweise umgesetzt werden. Unsere Kennenlerngespräche mit neuen Mitarbeitern wollen wir im Juli wieder anfangen. Dass wir keine Feste in diesem Jahr haben, ist völlig in Ordnung. Für mich wünsche ich mir, dass die persönliche PC-Schulung für mein neues Sprachprogramm bald klappt. Urlaub wäre klasse und beim Shoppen in der Stadt mal wieder ganz normal einen Kaffee trinken können. Und dass wir alle zusammen – Bewohner, Beschäftigte und Mitarbeiter – eine richtig große Sause machen, wenn Corona vorbei ist!


 

Ledder Werkstätten gemeinnützige GmbH • Ledder Dorfstraße 65 • 49545 Tecklenburg-Ledde
Telefon 05482/72-0 • info(at)ledderwerkstaetten.de
Wir beteiligen uns nicht an Verbraucherschlichtungsverfahren nach dem Verbraucherstreitbeilegungsgesetz und sind hierzu auch nicht verpflichtet.