Stones-Konzert in Brüssel war ein Erlebnis

Juli 25, 2022

„Sixty“ heißt die Europatour der Rolling Stones, die am 1. Juni in Madrid startete. 60 Jahre sind es her, dass „The world greatest Rock´n´Roll-Band“ erstmals unter diesem Namen im Londoner Marquee Club auftrat. Fast auf den Tag genau 60 Jahre später haben Nico Rogel und Felix Weigert die Band live in Brüssel gesehen. Gemeinsam mit 50.000 Fans im König Bauduin-Stadion – ein unglaubliches Erlebnis für die beiden jungen Männer mit geistiger Behinderung und komplexen körperlichen Einschränkungen.

Seit vielen Jahren leben Nico und Felix im Wohnbereich Westerkappeln und sind ausgewiesene Musikfans. Sie erzählen gerne von ihren Vätern, die immer schon Stones-Platten auflegten. Songs wie „Satisfaction“ oder „Jumping Jack Flash“ sind ihnen bestens vertraut und Felix sah die Band vor vielen Jahren schon einmal in Hannover. Aber so ein weit entferntes Konzert als Rollstuhlfahrer mit verschiedenen Hilfebedarfen erleben zu wollen, ist nicht so einfach.

Im Wohnbereich an der Steinkampstraße gibt es die nötige professionelle, nutzerbezogene Assistenz, die auch solche lange angesparten Herzenswünsche erfüllt: Philipp Kuhl, erfahrener Heilerziehungspfleger und im Alltag seit Jahren Bezugsmitarbeiter für Felix, und Kai Schulte (Heilerziehungspfleger in der Ausbildung) sowie Felix´ Bruder Ralf Weigert planten dieses Teilhabeerlebnis gemeinsam mit den beiden. Der ausreichend große Sprinter samt elektrischem Lifter wurde im Fuhrpark bestellt und das Kartenkontingent samt der Plätze auf einem der drei bühnennahen Rollipodeste geordert, sodass es am 10. Juli losgehen konnte.

Schon der erste Abend in der belgischen Hauptstadt war spannend für die Westerkappelner. Am Mittag des Konzerttages wählte das Quintett den Fußweg zum Stadion, weil der Sprinter mit viel Glück direkt vorm Hotel hatte geparkt werden konnte. Der Marsch zum ehemaligen Hazel-Station zog sich mit Pausen allerdings über anderthalb Stunden. Und die U-Bahn war nicht barrierefrei, weil sich die Einstiegskante der Wagons als unüberwindliche Hürde für die schweren E-Rollis erwies. Später halfen freundliche Fans, als Nico samt Rollstuhl vor einer Treppe stand. „Die kamen einfach zu sechst und haben mich da hochgetragen“, erzählt der 33-Jährige, der noch immer total begeistert von der Atmosphäre beim Konzert ist. „Die Stimmung da, die habe ich echt aufgesogen!“

Felix´ Bruder Ralf, keine eingetragene Begleitperson, durfte nicht aufs Rollipodest, stand jedoch in unmittelbarer Nähe auf der Tribüne. „Es war ja mächtig warm und Ralf konnte uns super die ganze Zeit mit Getränken versorgen“, erzählt Philipp, der betont, dass Menschen mit Behinderungen bei solchen Konzerten alle Hilfen wie Podeste, eigene Zugänge oder breite Dixie-Toiletten fänden, aber ansonsten natürlich Fans seien wie alle anderen. Das sei auch bei „Rock am Ring“ so, wo er vor drei Jahren schon einmal mit Nico und einer weiteren Bewohnerin gewesen sei.

Im Rückblick resümieren Nico und Felix, dass Brüssel als Großstadt, das abendliche Biergarten-Flair und vor allem das Konzert einfach als Fan zu erleben, tolle Erlebnisse gewesen seien. Angesichts des gehobenen Band-Alters meint Nico nachdenklich: „Ob man die nochmal sieht?“ Er hört sich die Stones jetzt in Ruhe über sein Spotify-Abo an, während Felix von seiner nun dritten Fan-Tasse im Regal an der Steinkampstraße schwärmt.

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